Die vierte Generation des Familienunternehmens

Georgia Näder im Porträt

Georgia Näder sitzt auf einem Sofa und lächelt in die Kamera.

Mit ihrer Jugend als Aufsichtsrätin
einsame Spitze

Die Tochter des Ottobock-Eigentümers kam schon mit 20 in den Aufsichtsrat des Prothesenherstellers. Herausforderungen sucht sie auch außerhalb des Unternehmens.

Als Aufsichtsrätin ist Georgia Näder schon ziemlich erfahren – dabei ist sie erst 24 Jahre alt. Schon vor vier Jahren zog die jüngste von zwei Töchtern des Unternehmers Hans Georg Näder in das Aufsichtsgremium des Prothesenherstellers Ottobock. Da habe sie sich schon Gedanken gemacht, wie sie wohl angesichts ihres jugendlichen Alters angenommen würde, berichtet sie im Gespräch mit dem Handelsblatt.

„Dann ist mir klar geworden, dass ich 20 Jahre Ottobock Erfahrung einbringen kann“, fasst sie die zusammen. „Ich kenne unsere Produkte, die Historie und die Seele des Unternehmens besser als externe Aufsichtsräte.“ Das habe sie dem durchaus stattlichen Gremium mit zehn Mitgliedern näherbringen können.

Georgia Näder befindet sich damit einerseits an der Spitze eines Trends. Denn in Familienunternehmen nimmt die Zahl der weiblichen Mitglieder in Aufsichtsgremien zu, belegt eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und der auf Familienunternehmen spezialisierten Beratung Intes von Anfang des Jahres.

Mindestalter oft vorgegeben

Danach verfügen inzwischen 50 Prozent der Aufsichtsräte über weibliche Mitglieder. In den Beiräten, die meist weniger als die Aufsichtsräte reglementiert sind, sind es laut Studie sogar 56 Prozent. Zum Vergleich: 2013 waren es gerade einmal zehn Prozent.

Was ihre Jugend betrifft, steht Georgia Näder dagegen vergleichsweise einsam da. Der Grund: Viele Aufsichtsgremien setzen ein Mindestalter für die Teilnehmer in Bei- und Aufsichtsräten fest, es liegt meist bei 30 Jahren. In nur sechs Prozent der Beiräte von Familienunternehmen sitzen Mitglieder, die jünger als 30 Jahre alt sind. Bei den Vertretern der nächsten Generation unter 35 Jahren sind es nur 15 Prozent, zeigen die Daten von PwC.

Bei börsennotierten Unternehmen gibt es laut Aktiengesetz kein besonderes Mindestalter außer der Volljährigkeit. Zu den jüngsten Aufsichtsrätinnen gehören Christina Reuter bei Kion und Fränzi Kühne bei Freenet, beide Mitte 30.

Bei den Familienunternehmen, von denen viele über Beiräte verfügen, deren Besetzung aber nicht öffentlich gemacht werden müssen, ist es schwieriger herauszufinden, ob es noch jüngere Aufsichtsrätinnen gibt.

Auch Teil der Geschäftsführung

Auf Georgia Näder trifft alles zu: Sie ist jung, weiblich und die vierte Generation des 102 Jahre alten Unternehmens. Damals gründete Otto Bock das Unternehmen, später heiratete sein Mitarbeiter Max Näder die Unternehmertochter Maria und führte die Firma weiter. Georgias Vater Hans Georg übernahm bereits mit 29 Jahren die Führung, inzwischen leitet der 59-Jährige den Verwaltungsrat der Ottobock Management SE als oberstes Entscheidungsgremium. Vertreten sind dort weitere drei nicht-operativ tätige Mitglieder und drei Vorstände.

Der Aufsichtsrat, in dem Georgia Näder sitzt, kontrolliert das Unternehmen und steht als Gremium darüber. Sie ist daneben auch Teil der Geschäftsführung der Management- und Beteiligungsholding.

Im Jahr 2019 erzielte Ottobock rund eine Milliarde Euro Umsatz und ein bereinigtes operatives Ergebnis von 191 Millionen. Auch 2020 sei das Unternehmen robust durch das Corona-Jahr gekommen, heißt es von der Firma. 2017 holte Hans-Georg Näder den schwedischen Investor EQT, der zur Wallenberg-Familie gehört, mit 20 Prozent ins Unternehmen.

EQT-Partner Marcus Brennecke kam zeitgleich mit Georgia Näder ins Gremium und sagt heute: „Sie ist weit für ihr Alter, bodenständig und kann gut zuhören.“ Näder erkenne ihre Position als Vertreterin der Eigentümerfamilie und schätze die Kompetenzen der anderen Mitglieder, fügt der Investor an. EQT will das Unternehmen weiter professionalisieren. „Die Chemie stimmt“, sagt Brennecke. Auch die Wallenbergs seien bodenständig, das passe gut. Ottobock soll in den kommenden Jahren an die Börse gehen.

Dann kommen auch auf Georgia Näder neue Herausforderungen als Aufsichtsrätin zu. Bis dahin studiert sie weiter im Ausland, macht ihren Master in Business Administration and Innovation in Healthcare, und auch ein Praktikum bei EQT in Schweden hat sie bereits absolviert.

Für Georgia, die, wie sie betont, ihren Namen nicht aus dynastischen Gründen trägt, war die Nähe zum Unternehmen immer da. Sie ging in Duderstadt, am Hauptsitz des Unternehmens, zur Schule. Weil der Boden in den Produktionshallen so schön glatt ist, fuhr sie dort mit Inlineskates durch. Sie wuchs „gut behütet“ im Umkreis des Unternehmens auf, Großvater Max spielte dabei eine wichtige Rolle, erzählt ihre langjährige Freundin Freya Schmidt.

Der Weg ins Unternehmen über die Aufsichtsgremien, so, wie Georgia ihn bislang gegangen ist, liegt im Trend, vor allem bei Nachfolgerinnen. Während männliche Nachfolger zu 70 Prozent die CEO-Position im Familienunternehmen laut einer Umfrage von PwC aus dem Jahr 2020 anstreben, sind es bei den weiblichen Nachfolgern nur 30 Prozent.

Georgia Näder allerdings habe alle Optionen, wenn sie will, sagt ihr Vater. Jedenfalls studierte sie neben ihrem Amt als Aufsichtsrätin nicht in der Region, sondern in Barcelona an der Eliteuni Esade Wirtschaft. Es sei eigentlich kein Problem gewesen, weil sie zwischen Spanien und Deutschland gut pendeln konnte.

Wenig Verständnis an der Uni

Das Problem, das zu dieser Zeit entstand, war ein ganz anderes, erzählt sie. „Meine Professoren hatten wenig Verständnis dafür, dass ich regelmäßig an Aufsichtsratssitzungen teilnehmen muss und dann eben nicht präsent sein kann. Das hat mich schon gewundert“, erklärt sie, schließlich sei Arbeitserfahrung auch für das Studium förderlich.

Viele Vertreter der jungen Generation suchen den Sinn der Unternehmen, neudeutsch „Purpose“, in die sie hineingeboren werden. Georgia Näder hat es vergleichsweise leicht. Ottobock wurde einst für die Versehrten des Ersten Weltkriegs gegründet.

„Wir müssen nicht lange nach unserem Purpose suchen“, sagt Georgia Näder. „Wenn Menschen wie Wolfgang Kierdorf, der unter Kinderlähmung leidet, mit unserer neuen Lähmungsorthese, die per App gesteuert wird, wieder laufen und Yoga machen kann, dann ist das großartig und die schönste Motivation für unsere Arbeit.“

Nebenbei als Gründerin aktiv

Dennoch hat sich die 24-Jährige noch eine weitere Herausforderung gesucht. Sie gründete mit einer Mitstreiterin vor anderthalb Jahren das Startup Maluwa Superfoods. Das Start-up vermarktet die Moringa-Pflanze, die in Südamerika, Afrika und Indien beheimatet und sehr reich an Nährstoffen sei. „Die wollten wir in Deutschland bekannter machen“, sagt Näder. Sie selbst rühre sich das Pulver am liebsten in Joghurt und esse es zum Frühstück.

Näder sei es wichtig gewesen, alles selbst zu machen. „Alle Prozesse, die bei Ottobock nach mehr als 100 Jahren längst etabliert sind, haben wir von Grund auf neu aufgebaut“, erzählt Näder. Weil die Gründerinnen Bioqualität anbieten wollen, hätten sie dabei viel gelernt über Zertifizierung und Lieferketten. Und sie hätten ein Hilfsprojekt für Spenden ausgewählt, die einer Schule in Ruanda zugutekommen.

„Einmal selbst gegründet zu haben ist eine wichtige Erfahrung für mich, die ich nicht missen möchte“, sagt Näder. „Man lernt wahnsinnig viel dazu.“